• Einführung

    "Gemeinsames Leid schmiedet die Herzen zusammen, lässt den Hass verschwinden und zwischen gleichen Menschen und sogar Gegnern entsteht Sympathie. Hätten wir doch nur die dieselbe Sprache gesprochen!"(Louis Barthas, Neuville/Saint-Vaast, XI. 1915)

    Der Erste Weltkrieg jährt sich zum hundertsten Mal. Auch 100 Jahre danach ist der Erste Weltkrieg mit seinen Schrecken, mit seiner bis dahin nie gekannten Brutalität und seinen Auswirkungen auf heutige Nationen aktueller denn je.

    Wie aber war der Alltag der Soldaten, die sich im Schützengraben gegenüberstanden und nicht mehr den Menschen in der Uniform des Gegners erkannten?

    Dieses Webquest beinhaltet Auszüge eines deutschen Kriegstagebuchs des Soldaten Karl Becker und eines französischen, des Soldaten Louis Barthas und weitere, die sich zur gleichen Zeit als Gegner im Schützengraben gegenüberstanden – sich aber nie begegneten.

    Vom deutschen Soldaten Karl Becker gibt es keine biographischen Daten, es ist nur bekannt, dass er aus der Nähe Olpe stammte und den Krieg überlebte.

  • Aufgabe

    Mit Hilfe der zwei Kriegstagebücher und den Links soll der Kriegsalltag der einfachen Soldaten im 1. Weltkrieg skizziert werden, um den Schrecken des technisierten Krieges darzustellen:

    Wir machen eine Präsentation zum Thema „Kriegsalltag im 1. Weltkrieg“

    Im Folgenden sollen 3 Gruppen gebildet werden zu den unten angegebenen Themen. Arbeitet mit den Links und dem Material, um darzustellen, was und wie die Soldaten den 1. Weltkrieg an der Front erlebten. Bitte beachtet, dass die Fronterlebnisse unterschiedlich von den Soldaten wahrgenommen und verarbeitet wurden. Eure Gruppe sucht sich ein Thema aus, arbeitet mit dem Material und den Links. Das Ziel ist es eine Powerpoint-Präsentation in eurer Gruppe zu eines der Themen zu erstellen.


    1.)    Kriegstagebuch von Karl Becker
    2.)    Auszüge des Kriegstagebuches von Louis Barthas
    3.)    Kriegsalltag der Soldaten

  • Material

    Hier findet ihr Materialien zur Bearbeitung eurer Aufgabe.

    1. Auszüge aus dem Kriegstagebuch von Karl Becker

    Informiere dich über den beschriebenen Kriegsalltag des deutschen Soldaten Karl Becker.

    Hilfsfragen: Was und wie wird beschrieben? Was fällt auf? Wie wirken die Gedichte über die Kriegserlebnisse?

     

    2. Auszüge des Kriegstagebuches von Louis Barthas

    Informiere dich über die beschriebenen Kriegserlebnisse des französischen Soldaten Louis Barthas.

    Hilfsfragen: Was und wie wird beschrieben? Was fällt auf? Wie sieht der Soldat den Krieg, wie verändern sich die Berichte?

    Information über Louis Barthas:

    http://www.14-tagebuecher.de/page/de/timeline/louis-barthas/

     

    3. Kriegsalltag der Soldaten

    Informiere dich über den Alltag der Soldaten und über historische Hintergründe.

    http://www.swr.de/erster-weltkrieg/-/id=12638894/euhh3d/index.html

    http://www.dradio.de/dlf/sendungen/feldpost/download.html

    http://www.14-tagebuecher.de/

    http://erster-weltkrieg.dnb.de/WKI/Web/DE/Navigation/Kriegsalltag/Alltag-und-Freizeit-der-Soldaten/alltag-und-freizeit-der-soldaten.html

    http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/ersterweltkrieg/155302/ausloesung-und-beginn-des-krieges

    http://www.europeana1914-1918.eu/de

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2225736/#/beitrag/video/2225736/Auf-der-Suche-nach-den-verlorenen-Soehnen

     

    4. Orte

    Infos zu Orten u. Schlachtfeldern des 1. Weltkrieges von denen beide Soldaten berichten

    Loretto-Höhe
    http://de.wikipedia.org/wiki/Lorettoschlacht

    Schlacht an der Somme
    http://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_an_der_Somme

     

     

    Tagebuch: Stellung Loretto - Höhe

    Eintritt ins Heer am 20.09.1915 bei Fürst. Regt. 80, 2. Kompanie. Ausgerückt ins Feld am 10.03.1916. Zum Infantrie Regiment 118, 56 Kompanie. Im Rekruten- Depot Neuville – Wandoers – Brünmetz. Am 2. Juni zur der Lehr. – Maschinen Gewehr Kompanie 56 Depot in Damnervoy vor Verdun. Am 15. Juli 1916 abgerückt nach Sarvisi bei Stenny zur Marschienen Gewehr Scharfschützen Abteilung 3/37. Am 16 Juli in Stellung Sallumianus. Am 17 Juli 1916 in Stellung Givenchy – Fimi Höhe. Am 7.8.1916 Sprengung von den Engländern aus. Vier Kameraden von mir gefallen. Zugeteilt den Inft. Regiment 104 und 118. Flieger Leutnant Jnmurlmann gefallen. Am 24. August verladen nach der Stellung Somma, Ort Leschelle. Am 05. September in Stellung Ginchy. Am 6 September in den ersten Graben vorgerückt. Am 9 und 10 September Großkampftage. Abend 6 Uhr und 7 Uhr von den Engländern umzingelt bis zum 12 September. Befreit durch die beiden Regt. 14 und 19 Bayern. (…)

    Stellung Reims 1916




    Gedicht: „Die Toten auf der Loretto-Höhe“

    1) Loretto deine Höhen, sie sind so rot wie Blut,
    gar mancher braver Krieger gab hier sein höchstes Gut.
    Gab hier sein junges Leben, starb fürs Vaterland,
    Für das wir alle kämpften mit Herz und Hand.


    2) Wir kämpften um den Frieden, ja mancher fand ihn dort.
    Manch einer den die Hoffnung beseelte fort und fort.
    Zu sehen die lieben Eltern im Heimort so (…),
    zu sehen auch die Geschwister, zu sehn die liebe Braut.


    3) Doch ohne dessen Willen kein Haar vom Haupte fällt.
    Sie möchte sie alle trösten sie weinen um den Held.
    Er möchte es Ihnen sagen, was mir so schwer nun fällt,
    das sie nicht sollen klagen. Er starb als Deutscher Held.

    4) Auch Ihr, Ihr lieben Brüder, die Ihr da droben liegt,
    Mann kennt nicht euren Namen, kennt auch nicht das Gesicht,
    Mann konnt Euch nicht begraben, der Feind gab es nicht zu.
    Doch Gott hatt Euch gegeben die wohl verdiente Ruh.





    Gedicht:Notre Dame de Loretto

    1)Es ragen jegen Himmel die Berge kahl
    Die Täler und Schluchten ohne Zahl
    Die Äcker getränkt mit Menschenblut
    Zeugen! Ohnmächtige welsche Wut.
    Wo im heißem Ringen mit scharfem Schwert,
    dem Feinde den Durchbruch wurde verwährt,
    wo Deutscher Mut und Deutsche Kraft
    des Gegners Ansturm zum stehen gebracht!


    2) Der heilige Berg entthronet durch das mächtige Blutige Werk
    Die unentwegt von Rache gesprochen
    Den grausamen Kampf vom Zaune gebrochen. So bringt er dem eigenen Lande kein Glück,
    Und hier erfüllt sich Frankreichs geschick.
    In Kampfes Getöse und Sturmenwettern,
    Der welschen Haussöhnlein zerschmettern
    Das war auf der Loretto!


    3) Nun nennt mir die Namen, die hier geblieben.
    Die tapfer für Deutschland Ehre gestritten,
    mit zähem Ringen bei Tag und Nacht.
    Geworfen des Feindes Übermacht. Die Söhne Preußens sind es gewesen, die hier gefegt mit Eisernem Besen
    Unsterblicher Ruhm wird sie stets begleiten. Durch Geschlecht und ewige Zeiten

    (In Stellung auf der Loretto 1916)





    Gedicht: Nach der Schlacht

    1.) Die Schlacht ist aus, die Rohre schweigen
    Mit müden Schritten kommt die Nacht.
    Dicht hinter Freund und Feindesleichen
    Halt ich im Schützengraben wacht.


    2.) Der Nachtwind flüstert in den Zweigen
    Sein Lied, das Lied und Schmerzen stillt.
    Und all die wilden Bilder bleichen meine Seele
    Tagesdurchwühlt. 


    3.) Erhaben über Blut und Grauen, ziehen Sterne stumm ihre Bahn
    Ganz sacht verlier ich mich ins Schauen,
    Und süsses Sinnen kommt mich an.


    4.) Ich seh die Lieb am Fenster stehn, umschimmert von dem Mondlicht
    Hör  bang dich zu den Sternen flehen: „Verlass o, Herr, Verlasse Ihn nicht“


    5.) Seh angstvoll Dich den Nachtwind lauschen,
    Was er von Schlacht und Siegen singt.
    Ob nicht aus seinem Zauberrauschen
    Ein Tagesseufzer zu dir dringt. 


    6.) Schlaf ruhig Lieb, Er schützt uns beide.
    Der unser heißes Flehen hört,
    Mich hier im Blutigem Männerstreite
    Und dich Daheim am stillen Herd. 


    (geschrieben im Kriegs-Lazarett. Manbert-Fontain am 7.1.1917)




    Gedicht:Die große Offensive in Frankreich 1916

    1.) Ich glaub da drüben geht was vor!
    Leis raunt es einem dem anderen ins Ohr.
    Es ist still geworden seit einigen Tagen ob die wohl einen Angriff wagen? Der Hauptmann ist ernst, der Leutnant so still mag es kommen wie es will,
    Was macht ein Deutscher Soldat sich draufs, der Feind mag kommen wir halten aus.

    2.) Die Flieger melden: „Beim Feind rückt an, Verstärkung hundertausend Mann. Lautlose Linien sehen wir kommen, obwohl sie vor der Deckung genommen. Munitionskolonnen fahren zur Front, mehr als man jemals beobachten konnt. Das gibt wies scheint einen scharfen Streit. Jetzt gilts Kameraden Jetzt haltet aus.“


    3.) Da kracht es auch schon, das die Erde bebt, hat man schon solchen Donner erlebt? Wild blitzt es aus vielen Tausend Schlünden, die den Deutschen Scharen Verderben wünschen. So heult, es stöhnt, es rauch und zischt ein Rauch und Splittern von eisernem Gischt. Millionen Geschosse speien sie aus. Wir bleiben ruhig, wir halten aus.


    4.) Wie schleichend Stund um Stund verringt. Ob nicht bald der wilde Ansturm beginnt? Ob wir noch lange die Qual ertragen? Die Stunde schleicht und mordet so lange. So graben Geschosse ringsherum, es hagelt mir ein Gewittersturm. Und wir in diesem Höhlengebraus! Uns klopft das Herz, wir halten aus.


    5.) Zu End geht fast der dritte Tag, in Feuer und Blitz und Hagelschlag. Die Sinne schwinden die Kräfte ermatten, in den Unterständen schwankende Schatten. In Hundertzwanzig Stunden in Qual voller Pein, in hundertzwanzig Stunden kein Aug zu. Wir Schützen denken wehmütig den Lieben zu Haus, an Weib und Kind. Wir halten aus.


    6.) Was schleichen für graugelbe Wolken herum? Hat die Höllenkreatur sich aufgetan? Es wälzen sich näher die giftigen Gase. – Lebt wohl Kameraden, nach hundertzwanzig Stunden in Qual voller Pein kann der Tod doch Erlösung mir sein, Und doch der Gedanke an Heimat und Haus, mir leiht uns Standhaftigkeit, wir halten aus:


    7.) Und nun kommt der langerwartete Sturm, die Deutsche Zinn stehe fest wie ein Sturm. Es mähen unsere Mach-Gewehre Reihe um Reihe, doch feindliche Scharen stürmen heran. Ein Kampf entspinnt sich, Mann jagen Mann. Haucht doch mancher Deutscher sein Leben aus. Wir hielten aus.


    8.) Der Tod geht mit um beim Freund und Feind bleich liegen die Toten still vereint. Der Feind dringt ein mit neuen Massen, wir müssen ihm manchen graben lassen. Der zerschossen, zerwühlt, keine Deckung mehr biet. Der Feind mag ihn wohl besetzen heut! Doch Morgen fliegt er wieder hinaus! Sieg oder der Tod! Wir halten aus.


    9.) Wir haben gestanden als ehrende Wehr,
    Wir haben geblutet für Deutschlands Ehr. Nicht sah man uns zaudern, nicht sah man uns schwanken. Ob die uns daheim gebliebenen wohl danken? Wir kämpfen für Kaiser für Freiheit und Reich! Denkt wohl daran im friedlichen Heim. Wenn wir nicht hielten aus?


    (geschrieben an der Somme, 15.11.1916)





    Gedicht:Wie lange noch?

    1.) Du armes Herz, gekält, gehetzt, was schlägst du zum zerspringen
    Ich sehne mich von Leid gehetzt zur Ruhe nach allem Ringen.


    2.) Bei jedem neuem Morgenrot, bei jedem Abendschatten, bei Streiten, Stürmen, Todesnot bei Siegen und Ermatten.

    3.) Gar treu vollbracht ich meinen Lauf. Nun will ich fast verzagen. Blick sehnend heiß zum Himmel auf. Zur Ruhe las mich tragen.

    4.) Wie lange noch, o großer Gott. Soll Blut die Erde tränken. Wie lange noch in Gram und Not, der Mütterherz versinken.

    5.) O, sende Retter in der Pein, herab den Friedensengel, wie lange nicht…verharrt in Zorn. Den aller Feind Bezwinger.

    (geschrieben am Winterberge am 28.05.1917)

    Kriegstagebuch von Karl Becker (Original)

    Tagebuch wurde eingescannt und in PDF umgewandelt.

    Oui, la guerre est moralisatrice (…)

    „Ja, der Krieg ist moralisierend. Er inspiriert noble Gefühle und eine ideale Persönlichkeit mit Moral. Das sind Leute, Menschen, die sich trauten über den Krieg zu schreiben und über dieses Monstrum des Krieges.“

    Vers le carnier de Lorette (04. Mai – 2. Juni 1915)



    „Während der Nacht vom 23 auf den 24.12 kamen 10 unpatriotische Deutsche zu uns, um sich zu ergeben. In der 17. Kompanie war das ein großes Ereignis, da sie die ersten Gefangenen waren, die durch dieses Regiment gefangen wurden. (S. 51)
    Die folgende Nacht war die Heilige Nacht. Bald saßen wir in unseren Löchern in den Schützengräben und genossen den Gedanken vielleicht schlafen zu können, als um 9 Uhr eine harsche Stimme uns rausbefahl und sofort aus unseren Stellungen zu kommen.“

    „In der Tat, etwas Ungewöhnliches ging dort draußen an der Frontlinie vor. Man hörte Lieder, heilige Weihnachtslieder und mehrere Leuchtfeuer aus Leuchtgranaten waren auf beiden Seiten entzündet, doch kein Schuss wurde abgegeben.
    Zwei Stunden später und der Alarm war immer noch nicht ausgelöst. Wir hatten keine Erklärung für das was am nächsten Tag geschah.
    Unser Kapitän Leon Hudelle schrieb diesen ungewöhnlichen Tag in seinem Tagebuch auf. Am Weihnachtstag, ohne Respekt für die Heiligkeit des Tages ließen sie uns unsere Löcher ausbessern (…)“


    2.1.1915

    Wie der Januar uns leiden ließ, bin ich nicht im Stande zu beschreiben. Ich habe nicht gedacht, dass der menschliche Körper solchen Umständen überhaupt trotzen könnte. Jeden Morgen war es bitterkalt, weißer Frost formte Eiskristalle an unseren Bärten und Schnurbärten und gefror unsere Füße. Während am Tag oder in der Nacht wurde es ein wenig wärmer, doch es begann zu regnen.
    Mal im Dauerregen und wir waren auf die Knochen durchnässt und flutartige Wasserströme durchzogen unsere Schützengräben. Es war genug, um sich zu wünschen, man wäre ein Frosch.
    Zu kämpfen, ohne Schlaf, müde, in der Kälte, mit Hunger, die Männer tranken zu viel Alkohol (…)



    Loretto Höhe
    2 Juni – 2. Juli 1915

    (…) Während des Tages traf eine Granate den benachbarten Bunker neben uns und verwundete fünf Soldaten, einen tödlich. (…)

    Meine Erinnerung an diesen Tag ist ungenau und ich habe nur manche vagen Bilder im Kopf. Zuerst, ein toter französischer Soldat, ein paar Meter von uns entfernt. Er liegt auf seinem Rücken, er sieht aus, als ob er schlafen würde. Dieser Anblick störte uns und auch wenn es gefährlich war, Allard stieg aus dem Schützengraben raus und warf eine Decker über die Leiche.
    Einen Moment später eine große Explosion, rechts neben uns, weckte uns aus unserer Erstarrung und Betäubung und brachte eine Leiche zum Vorschein und riss sie in tausend Stücke (…)

    (…) Die Bombardierung ging weiter, unaufhörlich und so heftig den ganzen Tag. Wir waren verwirrt und geblendet von den Lichtblitzen der Geschosse und Granaten.

    Ein gutes hundert Mal schleuderten die Erschütterungen der Granaten uns zu Boden und Explosionen explodierten um uns herum.

    Tagesanbruch. Die Sonne geht auf, unpassend auf dem Feld des Horrors. Überall nichts als tote Körper, Kadaver und abgerissene Menschenteile, die von Ratten angefressen werden, die mehr Mut hatten als wir den Schützengraben zu verlassen. (…)

    (…) Wir sollten bald angreifen (…) allgemein machten wir uns nicht viele Gedanken, was bei dem Angriff uns erwartete (…)
    Oh, diese verstörten Augen meiner Kameraden, diese schrecklich zu Grimassen geschnittenen Gesichter, welche jeden menschlichen Ausdruck verloren haben. Welche schrecklichen Szenen haben diese Augen gesehen, so dass ihr Träger fast verrückt wurde?



    In diesem furchtsamen Albtraum zu leben – ist es dass, was uns alle erwarten wird?

    (…) Nach der Schlacht sah ich, es schockierte mich und faszinierte mich (im deutschen Schützengraben) ein Haufen toter Körper, alles Deutsche.

    An einem Gebüsch angelehnt, ein junger Deutscher, er sah aus, als würde er schlafen. Er war nicht sichtlich verwundet. Der Tod hat ihn mit einem Flügel getroffen und wahrte das Lächeln in seinem jungen Gesicht.

    Wir nennen das hier den ‚Graben der Toten‘. Alles Franzosen – die Überreste einer früheren Schlacht. Anständig begraben können wir sie bei den ständigen Angriffen und dem Regen nicht. Also müssen wir wenigstens dafür sorgen, dass dieser Abschnitt nicht von den Deutschen erobert wird.“

    Was um Himmelswillen ist das? Öffnet sich die Hölle unter unseren Füßen? Sind wir am Rand eines feuerspeienden Vulkans? Der Schützengraben füllt sich mit Flammen, Funken, beißendem Rauch. Atmen ist unmöglich. Die Deutschen beschießen uns mit flüssigem Feuer.

    Ich riss beide Arme vor mein Gesicht, um die Augen zu schützen und all meine Vernunft verließ mich. Meine Augen konnten nichts mehr sehen, ich stammelte nur. Auf dem Boden lag stöhnend eine arme Seele. So entstellt, dass es unmöglich war festzustellen, um wen es sich handelte. Seine Haut war vollständig schwarz. Er sang im Delirium Lieder aus seiner Kindheit, redete mit seiner Frau, seiner Mutter, sprach über sein Dorf. Überwältigt von Müdigkeit und Erschöpfung kauerte ich mich auf den Boden. Der Sterbende lag mir gegenüber. Einen Soldaten in Agonie vor Augen schlief ich ein.

    Eine mondlose Nacht hat sich über den Schützengraben gelegt, in dem Louis Barthas neben dem Schwerverletzten kauert. Als der Morgen graut, schreckt er aus seiner Erschöpfung hoch, ein Kamerad verteilt Kaffee. Was war das? Wir hatten erwartet, dass der Verbrannte jeden Moment sterben würde. Wir wollten ihn über den Graben nach draußen werfen und nun verlangte er plötzlich seinen Kaffee! Er trank dreiviertel meines Bechers, mit einem ekelhaften Schlürfen – aber es schien ihm tatsächlich zu bekommen. Sanitäter haben ihn später geholt, was aus ihm geworden ist, weiß ich nicht.



                              

    07.06.1915

    (…) Wir sahen aus wie Geister, abgemüht, Haut bleich, kraftlos, mehrere Nächte ohne Schlaf, schlechtes Essen, Strapazen. Ja, wir sahen aus wie Geister, die aus ihren Gräben auferstanden sind. Sicher, die Feldküche versuchte uns möglichst mit Essen zu versorgen. Aber es ist schwer zu essen, wenn die Luft erfüllt ist vom Verwesungsgestank der verwesenden hunderten Körper, die uns umgeben unter der heißen Juni- Sonne. (…)


    Oft denke ich an die große Zahl meiner Kameraden, die an meiner Seite gefallen sind. Ich habe gehört, wie sie den Krieg und jene, die ihn angezettelt haben, verfluchten. Ich, als Überlebender, glaube, dass mich ihr Wille inspiriert hat, rast- und gnadenlos bis zu meinem letzten Atemzug für die Idee des Friedens und der Brüderlichkeit unter den Menschen zu kämpfen.“ (1920)


  • Anforderungen

    Hier kannst du dir einen Bewertungsbogen herunterladen und deine Arbeit einschätzen. Den ausgefüllten Bogen gibst du deiner Lehrerin/ deinem Lehrer.

  • Ausblick

    Du hast jetzt einiges über den Kriegsalltag der Soldaten im ersten Weltkrieg erfahren.
    In einem Reflexionsbogen sollst du deine offenen Fragen für das Klassenplenum aufschreiben. Schreibe auch auf, was du jetzt über den Kriegsalltag der Soldaten weißt. In dem gleichen Bogen kannst du dein Lernfortschritt einschätzen.

  • Bewertungsbogen

  • Tagebuch Becker

    Ausschnitt

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